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schneiderhan_mit_name_webdargatz_mit_name_webBeitragsserie rund um den Rücken mit Dr. Reinhard Schneiderhan und Thorsten Dargatz

Laut Deutscher Schmerzgesellschaft leiden mindestens acht Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen Rückenschmerzen. Eine erschreckend hohe Zahl. Helfen kann den Betroffenen ein so genanntes Schmerzscreening. Denn wenn die Ursache bekannt ist, können wir den allermeisten Patienten gezielt helfen, sagt Dr. Reinhard Schneiderhan, Präsident der Wirbelsäulenliga

Schmerzen haben viele Gesichter: Sie können brennen, pochen, stechen oder pulsieren. Als vorübergehende Begleiterscheinung bei kurzfristigen Leiden oder Verletzungen sind sie völlig normal. Manchmal sind sie sogar nützlich, denn sie können auf Krankheiten aufmerksam machen. Doch viel zu viele Menschen kennen Rückenschmerzen auch als ständig peinigenden Begleiter, der den Alltag belastet und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. „Wenn Schmerzen länger als drei Monate andauern, befinden sich die Betroffenen bereits in einer Chronifizierungsfalle und dann sind besondere Maßnahmen nötig, um die Probleme in den Griff zu bekommen“, sagt Dr. Reinhard Schneiderhan, Leiter des gleichnamigen Medizinischen Versorgungszentrums in München Taufkirchen. „Dazu gehört an erster Stelle das Schmerzscreening.“

Nozizeptive und neuropathische Schmerzen

Beim Schmerzscreening geht es darum, sich ein genaues Bild vom Schmerz zu machen. Dabei kommt zunächst ein standardisierter Schmerzfragebogen und das painDETECT-Programm zur Anwendung. „Bei painDETECT handelt es sich um ein wissenschaftlich fundiertes und leicht zu bedienendes Programm zur Einordnung des Schmerzes und zur Dokumentation“, sagt der Experte. „Uns liegen sofort die Ergebnisse vor, die wir dann in die Therapieplanung mit einbeziehen können.“

 
Im Rahmen der Schmerzanamnese lauten die wichtigsten Fragen:

  • Seit wann leiden Sie unter Schmerzen?
  • Wie äußern sie sich?
  • Wo und bei welchen Gelegenheiten treten sie auf?
  • Gibt es Körperhaltungen bei denen Sie sich wohler fühlen?
  • Gibt es Bewegungen oder Körperhaltungen, die den Schmerz regelrecht auslösen?

„Für mich als Arzt ist zudem die Qualität des Schmerzes von therapieentscheidender Bedeutung“, sagt Dr. Schneiderhan. „Wir unterscheiden dabei zwischen nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen.“ Nozizeptive Schmerzen treten am häufigsten auf. Sie gehen von Schmerzrezeptoren aus, die in Haut, Bindegewebe, Muskeln, Knochen und Gelenken liegen. Neuropatische Schmerzen entstehen direkt durch die Schädigung eines oder mehrerer Nerven. Die Behandlungsstrategien sind dann jeweils unterschiedlich. „Deshalb muss ich möglichst genau wissen, ob es sich beispielsweise um einen Spannungsschmerz, einen einschießenden oder einen brennenden Schmerz handelt“, so der Wirbelsäulenspezialist.

Rückenschmerzen sind meist muskulär bedingt

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ausbreitung des Schmerzes. Mit einer einfachen Frage lässt sich das manchmal ganz schnell beantworten: Tritt der Schmerz morgens beim Zähneputzen auf, wenn Sie sich nach vorne beugen oder erst beim Wiederaufrichten? „Die Antwort kann mir bei der Auswahl der richtigen Therapie sehr helfen“, sagt Dr. Schneiderhan. „Denn wenn die Schmerzen beim nach vorne beugen auftreten, sind sie höchstwahrscheinlich muskulär bedingt. Wenn sie beim Wiederaufrichten auftreten, handelt es sich eher um ein Gelenkproblem aufgrund von Kompressionen.“

Auch Fingerspitzengefühl ist gefragt

Überhaupt sind die meisten Rückenschmerzen muskulär bedingt. Das hängt zum einen mit dem Zug zusammen, denen die Muskeln ausgesetzt. Zum anderen können sich aber auch degenerative Veränderungen negativ auf den Muskel auswirken. So haben Schmerzen bei einem Hexenschuss 80 Prozent muskuläre Ursachen. Eine Ausnahme ist der Bandscheibenvorfall, dessen Schmerzen zu 70 Prozent auf eine Bedrängung der Nervenwurzel zurückzuführen ist. Aber der muskuläre Anteil beträgt immerhin noch 30 Prozent. „Deshalb gehört ein akribisches Austasten mit den Händen zwingend zu einem guten Schmerzscreening“, sagt Dr. Schneiderhan. „Ich muss den Muskeltonus ertasten, um sowohl verhärtete als auch schlaffe Stellen möglichst genau einordnen zu können. Manchmal setze ich dabei auch elektromyografische Messungen ein.“

Individuelle Behandlungsstrategie

Die gute Nachricht: Ist die Ursache der Rückenschmerzen erst einmal gefunden, ist die nachfolgende Therapie relativ einfach. „Wichtig ist ein individualisiertes Vorgehen und wenn es die für den Patienten richtige Behandlungsstrategie ist, können oft schon einfache Maßnahmen wie Stufenlagerung, Muskeltraining, wärmende Salben oder Krankengymnastik helfen, sagt der Präsident der Wirbelsäulenliga. „Glücklicherweise stehen uns heute ja außerdem moderne Medikamente, sehr wirkungsvolle minimal-invasive Verfahren und in besonders schweren Fällen ein Schmerzschrittmacher zur Verfügung.“          


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